Archiv der Kategorie 'Rezensionen'

„das gefühl war großartig.“

am 6. dezember 2008 wurde der 15 jährige anarchist alexandors grigoropoulos (alexis) von einem polizisten im alternativ geprägten athener stadtteil exarchia erschossen. wenige monate später berichtet katerina, eine schülerin aus dem 500km entfernten thessaloniki: „der dezember war erstaunlich. alle waren auf der straße. […] ich dachte, die revolution kommt! wirklich, das hab‘ ich gedacht! da war so viel energie, alles was normales leben war, war vorbei und das ganze geschehen spielte sich auf der straße ab“(143).
in griechenland brach ein aufstand los, in dem die beteiligten rache für alexis und für sich selbst nahmen. es sei gewesen „als ob die zeit angehalten hätte. das gefühl war großartig“(115) berichten zwei anarchistinnen. aber nicht nur anarchistInnen und linke aktivistInnen spürten, dass es etwas anders war. unter den menschen breitete sich schlagartig die erkenntnis aus, dass „sich etwas verändern könnte“(315), „dass nichts so bleiben würde wie es war“(10). „kinder, die nicht mal von ihrer playstation ablassen würden, um runter zum strand zu laufen, fuhren vierzig kilometer (…) und nahmen an den protesten teil. so wichtig war diese sache“(111).
um „diese sache“ geht es im buch „Wir sind ein Bild der Zukunft – auf der Strasse schreiben wir Geschichte – Texte aus der griechischen Revolte“. Die HerausgeberInnen legen allerdings keine analyse oder „offizielle geschichte“ der griechischen revolte vor, sondern versammeln in dem buch „fragmente, gerüchte, mythen und erzählungen“(13): sie dokumentieren tagebucheinträge, interviews, kurze stellungnahmen, flugblätter und einige längere artikel aus und um den aufstand. neben einer allgemeinen einführung in die geschichte sozialer kämpfe in griechenland im 19. und 20. jahrhundert gliedert das buch die dokumente in vier phasen: 1. die unmittelbare vorgeschichte der aufstände vom september 2000 – november 2008, 2. die tage der ausschreitungen die die ermordung von alexis ausgelöst hat vom 6. – 25. dezember 2008 , 3. die unmittelbare zeit nach dem aufstand vom 28. Dezember 2008 – 4. März 2009 in der der aufstand immer wieder hochkochte und die zeit vom märz 2009 – oktober 2009 in dem es um das (vorläufige) ende des aufstandes und die „neuen wege“ geht, die nach ihm eingeschlagen wurden. im september 2009 schreibt jemand: „diese alte stadt (athen, leere) hat ihren weg zur normalität fortgesetzt […] nichts hat sich verändert: die uhren dieser welt klingeln uns um 6.30 Uhr morgens aus dem schlaf, hier wie überall anders“(349). doch obwohl sich nichts verändert hat, ist doch alles anders, wie es nur eine seite später heißt. „in der nacht gesellschaftlicher apathie sind wir wach“, die erinnerung an den moment in dem die situation plötzlich offen war und die menschen begannen ihre welt bewusst gestalten wirkt noch nach. obwohl die aufständischen vom dezember in ihre wohnungen zurückgekehrt sind gibt es noch dieses „gefühl vom ende einer ära“(353). die aufstände, da sind sich alle beteiligten sicher werden erneut losbrechen um die alte welt zu beseitigen: „wir warten, wir warten auf den richtigen moment…“(354) heißt es im letzten dokument des buches, „die geschichte wird fortgesetzt…“(355) heißt zum schluss im nachwort der herausgeberInnen.
dass es sich um eine sammlung von „bildern und erfahrungen dieser zwei jahre“(9) handelt macht sowohl die große stärke, wie auch den großen mangel des buches aus: es ermöglicht einen einmaligen einblick in einen aufstand der beginnt die massen zu ergreifen und sich insofern von der mobilisierung und aktivismus der immer gleichen linken protagonistInnen unterscheidet. neben allerlei pathetik finden sich vor allem in den berichten über konkrete aktionen, organisationsversuche und erlebnisse eindrucksvolle beispiele, die einem einen eindruck davon vermitteln, wie aufständische in ihrer „revolutionären praxis“ zugleich sich selbst und die welt verändern1. von menschen die plötzlich beginnen sich für die gesellschaft zu interessieren, in einem moment, indem sie diese nicht mehr nur passiv erdulden müssen, sondern beginnen sie selbst zu gestalten. das buch versammelt so eine menge material von dem ausgehend nicht nur der aufstand in griechenland verstanden werden kann, sondern das eine relevanz besitzt für die formulierung einer materialisitschen kritik unserer zeit. doch das buch sammelt eben nur. es liefert selbst keine analyse der ereignisse. und auch wenn in den einzelnen flugblättern, texten und interviews2 viele ansätze eines verständnisses für den aufstand und die gesellschaftliche situation zu finden sind, steht eine kritische ausarbeitung noch aus. sie müssen erst noch verstanden werden. die Leserinnen und leser sind also gefordert. sollte der mangel des buches dazu anregen nicht bloß die „erzählungen und bilder“ zu konsumieren und als fakten hinzunehmen, sondern sie gedanklich zu durchdringen, könnte er behoben werden.

a.g. schwarz, tasos sagris & void networg (hg.): wir sind ein bild der zukunft – auf der strasse schreiben wir geschichte“, edition provo bd.1, LAIKA-verlag, hamburg 2010, 366 seiten, zahlreiche abbildungen, 24,90€.

  1. vgl. karl marx „thesen zu feuerbach“, These 3, z.B. in MEW bd.3, s.6. [zurück]
  2. wohlbemerkt: neben sehr vielen schlechten analysen der situation und mangelhafter kritik an staat und kapital. die dokumente sollten deswegen auch wirklich als dokumente und nicht als (gelungene) analysen gelesen werden. [zurück]

max hoelz: „ich grüße und küsse dich – rotfront!“

max hoelzfranz kafka schrieb in einem brief, ein buch müsse „die axt sein für das gefrorene meer in uns“. und auch wenn dieser anspruch einem sachbuch gegenüber, gerade einer sammlung von tagebüchern und briefen, zunähst fragwürdig erscheint, löst diese sich auf, wenn man den anspruch als den anspruch begreift, dass sich an einem buch erkenntnis entzünden kann: es den geist in bewegung bringt.
gelingt dies, wird das buch zur axt und löst im leser/der leserin einen erkenntnisprozess aus.
auch die tagebücher und briefe von max hoelz bergen diese möglichkeit zur erkenntnis in sich. auf den ersten blick stehen der erkenntnis allerdings seitenweise notizen zum tagesablauf entgegen, die den eindruck vermitteln, es sei vor allem für historiker und max hoelz` biographen interessant.
dazu kommt, dass das buch ohne hoelz‘ autobiographie „vom ‚weißen kreuz‘ zur roten fahne“ unvollständig bleibt, denn den tagebücher und briefen, die nur die zeit von 1929 bis zu hoelz‘ tod 1933 umfassen, fehlt das kontrastmittel. ulla plenners ausführliches vorwort und die dokumente im anhang geben zwar auch die entwicklung hoelz‘ vor 1929 zusammenfassend wieder, bzw. versuchen diese zu illustrieren, können aber die lektüre der autobiographie nicht ersetzen.
bezieht man diese jedoch mit ein kann es gelingen, zwischen dem „ballast“ immer wieder stellen zu finden, an denen wichtige einsichten gewonnen werden können. nicht in erster linie über hoelz, sondern über die dynamik des aufblühen und verfalls des radikalen flügels der arbeiterbewegung in deutschland zwischen ende des ersten weltkrieges und der mitte der zwanziger jahre und deren fortwesen bis zum beginn des nationalsozialismus und über die ansätze einer bewegung der arbeiterInnen.
max hoelz schrieb im januar 1929 als letzten absatz im vorwort seiner autobiographie

ich bringe viel persönliches zur sprache. das war unvermeidlich, denn alles persönliche war zugleich gemeinsames. nicht nur ich wurde als knecht geprügelt, lief weg, suchte hungernd arbeit, glaubte an gott und zog in den krieg, nicht nur mir gingen die augen auf, so daß ich das gewehr gegen die unterdrücker wandte, nicht nur ich stand vor den klassenrichtern, nicht ich allein lag nackt und blutig in den folterkammern deutscher zuchthäuser! tausende erleben und erleiden dasselbe wie ich.

hoelz hatte sich, wie viele andere in sachsen und ganz deutschland, erst als uspdler, dann auf seiten der kpd an der schaffung der arbeiter- und soldatenräte nach dem ersten weltkrieg betätigt. danach agitierte und kämpfte er gegen den kapp-putsch und mit sympathien für die kapd – das linke spaltprodukt der kpd – in den mitteldeutschen aufständen, in deren folge er gefangen genommen wurde und für einen mord, den er nicht begangen hatte, zu einer lebenslangen zuchthausstrafe verurteilt wurde.
was hoelz zu seiner autobiographie schreibt, kann man auch von seinen tagebüchern und briefen behaupten: er schreibt „persönliches und doch gemeinsames“. vom flammenden freund der menschheit, der, wenn nötig gewaltsam, seine und ihre befreiung erkämpfen möchte und sich überall entschlossen auf die seite der unterdrückten stellt, wird er zum apologeten der kPD, der sowjetunion und deren zunehmender stalinisierung. den kulminationspunkt, an dem hoelz‘ entwicklung dem vormals glühenden revolutionär, dann linientreuen parteigänger in apologetisches funktionärs-dasein umschlägt bildet seine rede zu seiner freilassung 1928, die sich auch im anhang der tagebücher und briefe findet und die mit den worten schließt:

hinein in die reihen der kommunistischen partei deutschlands! es lebe die kommunistische partei deutschlands! es lebe die kommunistische internationale! es lebe unser geliebtes sowjetrussland!

kurz darauf reist er in sein „geliebtes sowjetrussland“. er trifft dort 1929 ein, dem ersten jahr des Fünfjahresplanes und stalins „großen umbruchs“. er erlebt die ausschaltung der „linken opposition“ um trotzki, die „schädlingsprozesse“ und die mammutbauten der von stalin geförderten schwerindustrie. hoelz sieht aber weder not noch elend, belehrt noch deutsche genossen – die als ausländische arbeiter in der sowjetunion eingesetzt sind und unter denen er für den „sozialistischen aufbau“ agitiert – ihre beschwerden bezüglich „wohungen, klosetts, essen usw.“ seien lediglich persönliche dinge und gegenüber dem „aufbau des sozialismus“ bedeutungslos. er spricht von „gutem menschenmaterial“, über stalin notiert er nach einem treffen: „diesen einfachen und natürlichen burschen muss man gern haben“. er denunziert genossInnen, ohne skrupel an die gpu, wo sie von der linie der partei abweichen.
selbst nachdem ihm der verdacht kommt, die „genossin absolut“ (jelena stassowa) hetze über ihn bei genossen, setze gar funktionäre nach belieben ab, weil diese ihn eingeladen hätten und seiner zunehmenden isolation, fängt er nur an, beschwerde einzulegen, schreibt an entsprechende stellen, bittet um aussprachen und rennt doch immer mehr gegen eine unsichtbare mauer, er versteht weder das funktionieren der sowjetischen bürokratie und der machtkämpfe und cliquenwirtschaft in ihr, noch warum diese nicht so funktioniert wie es in den statuten der kpdsu festgehalten ist. er rennt sich wund, verbittert, zieht sich zurück und arbeitet erst als schwerarbeiter in einem sibirischen erzbergwerk, dann auf einem staatsgut in der nähe von gorki als landarbeiter. dort ertrinkt der geübte schwimmer hoelz im september 1933 unter bis heute ungeklärten umständen während einer bootsfahrt. egal, ob er von der gpu beseitigt wurde, wie viele seiner bekannten, freunde und ehemaligen mitstreiter, oder nicht, er überlebt die zeit der stalinistischen säuberungen nicht. so stellt auch sein tod etwas „persönliches und zugleich gemeinsames“ dar. in diesen jahren endet nicht nur das leben von max hoelz, es endet das leben einer ganzen generation von revolutionären und mit ihr reist die linie des radikalen teils der deutschen arbeiterbewegung ab. übrig bleiben einige wenige splittergruppen und einzelpersonen und jene die sich bedingungslos stalin und den dogmen und analysen der kommunistischen internationalen anschlossen. max hoelz gelang dies, gegen seinen eigenen willen, nicht. zwar wollte er sich sehr wohl einfügen und den weisungen von partei und internationale beugen, aber er konnte sich nicht in deren hierarchien eingliedern, den grund dafür nennt er selbst seinen „rebellischen charakter“.
ein rebell war hoelz am ende seines lebens wohl kaum mehr, aber einer in dem noch die glut der revolutionären leidenschaft brannte die die nachkriegsjahre in deutschland geprägt hatten. dies machte es ihm so schwer sich zu unterwerfen, hierarchien wo er sie als solche erkannte, weil sie ihn selbst betrafen, zu akzeptieren, dies wurde ihm zum verhängnis. das in ihm nur noch glut und kein feuer mehr war, zeigt sich wo er dem eiskalten kalkül des funktionärsdaseins nahekommt, das nur strategien und vermeintlichen pragmatismus kennt; in dessen folge die menschen als subjekt ihrer befreiung zum objekt der politik und verwaltung werden, eben in den worten des späten hoelz zu „menschenmaterial“. hoelz tagebüchern und briefe sind voll von solchen beispielen, sie illustrieren den verfall des revolutionärs hoelz und des größten teils der revolutionären arbeiterbewegung, das macht das buch interessant.

ulla plenner (hrsg.) „max hoelz „ich grüße und küsse dich – rotfront“ – tagebücher und briefe“, moskau 1929 bis 1933, dietz berlin 2006, 29,90€

max hoelz „vom ‚weißen kreuz‘ zur ‚roten fahne‘“ , autobiographie, neue kritik, 19,50€

enden ohne ende

gestern morgen„wie lässt sich also trauern um etwas, das sicht nicht erinnern lässt, um etwas, das nie war?“ diese frage stellt bini adamczak in ihrem buch „gestern morgen“. das buch beginnt an einem ende: mit der auslieferung deutscher kommunist_innen und antifaschist_innen durch den sowjetischen geheimdienst NKDW an die deutsche gestapo, kein gefangenenaustausch, sondern ein geschenk unter freunden. es ist ein tag zwischen 1935 und mai 1941. in deutschland droht den verschenkten zuchthaus, konzentrationslager, tod, hinter sich haben sie oft bereits zuchthäuser und arbeitslager in der sowjetunion. die auslieferungen sind eins der vielen enden des sozialismus der russischen revolution.
die autorin nimmt an dieser stelle den „roten, schmutzig verfärbten” faden auf, um ihn zu entwirren und zu entknoten; einen punkt suchend, an dem die revolution in die konterrevolution umschlug, an dem der versuch des sozialismus in russland scheiterte und nur die diktatur einer bürokratie übrig blieb. die suche, oder besser, das vorwärts tasten, endet im jahr 1917: dem jahr der revolution. den punkt des umschlages gibt es nicht, es gibt vielmehr viele punkte: kronstadt (1921), die schauprozesse (1936), die ausschaltung der opposition (1927), der hitler-stalin-pakt (1939) und der damit verbundene empfang des nazis ribbentrop, der von der roten armee mit gehissten hakenkreuzfahnen und dem horst-wessel lied begrüßt wird. an all diesen punkten endet der sozialismus, scheitert die revolution. es gibt kein entkommen: die linientreuen kommunist_innen von gestern sind am morgen darauf bereits selbst zwischen die räder des apparats gekommen. wer grade noch andere „im dienste der revolution” erschoss, wurde einen augenblick später schon selbst erschossen – die geschichte wälzt sich immer weiter fort, ständig weitere teile der hoffnung auf ein anderes begrabend. so gilt adamczak die gegenwärtige bedingungslose hinnahme des kapitalismus auch nicht als dessen sieg, in dem sinne, dass dieser sich als wunderbarer zustand behauptet habe, sondern als trauer um die verpassten möglichkeiten: als trauma des umstandes, das die revolution sich selbst beseitigte, dass aus der hoffnung auf ein besseres morgen in der sowjetunion ein zustand erwuchs, in dem nicht die erwartete gesellschaft ohne ausbeutung und herrschaft eintrat, ja noch nicht einmal die unterscheidung zwischen erster und zweiter klasse in den zügen abgeschafft wurde, sondern in der statt dessen die allmacht der partei regierte, die nicht nur ständig ihre mitglieder mordete, sondern auch die bauern, die arbeiter_innen aus den fabriken ausschloss und in arbeitslager verfrachtete, und die die noch während der revolution 1917 heißgeliebten kronstädter matrosen abschlachtete. indem adamczak jedoch eben diese geschichte freilegt, trauerarbeit leistet – wie sie es selbst nennt – versucht sie, den „staub der geschichte aufzuwirbeln, in dem wie im trickfilm die gespenster einer möglichen zukunft sichtbar
werden”. den antikommunist_innen, den feind_innen des sozialismus ist diese trauer unmöglich, sie können die opfer nur für ihre zwecke instrumentalisieren. adamczak dagegen findet die antwort auf die frage der trauer in der trauer um das was hätte möglich sein können, in den träumen und begierden der gemordeten, die uneingelöst sind. sie legt mit ihrem buch den grundstein für eine neue überlegung des „wie”, des konkreten denkens der revolution, das diese erst wieder möglich machen soll. das credo: nur wer sich an die gemordeten genoss_innen und ihr schicksal erinnert, an das grauen, das die revolution entfesselte, die doch das grauen abschaffen wollte, nicht leugnet, verschweigt oder verdrängt,
macht damit die verwirklichung dieser träume möglich: ein anderes morgen.

bini adamczak „gestern morgen – über die einsamkeit kommunistischer gespenster und die rekonstruktion der zukunft” unrast verlag, münster 2007, 160S., 12€