Archiv der Kategorie 'Schnipsel'

aufs traurige eingestellt

jetzt sieht es aus, als gäbe es nur tränen in dieser welt… aber wir lachen auch, ja, nur wir verstehen zu lache, weil wir es so selten tun, weil wir kummer und hunger wegzulachen haben, weil wir, immer aufs traurige eingestellt, den raschen blick fürs komische haben. ich habe nur nichts davon erzählen können, weil mein junges leben in die betterste zeit europas fiel. damals haben wir wirklich nichts zu lachen gehabt. aber wenn wir nur irgendwie gelegenheit dazu hatten, taten wir’s. und ich hielt mit, ich konnte micht – trotz allem – freuen. auch mein leben war nicht so trübselig, wie es scheinen mag. ich erzähle nur, weil sie allein wichtig waren, die schweren und bitteren dinge.

und wär ihr sekunden, ich haßte euch noch.

beeilt euch, ihr stunden, die liebste will kommen.
was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer?
herunter da, sonne, und abschied genommen.
verstehst du nicht, tag, man verlangt dich nicht mehr.
mit seinen droschken und schwalben und hunden
wird mir das ganze leben zum joch.
schluß mit geschäften. beeilt euch, ihr stunden.
und wärt ihr sekunden, ich haßte euch noch.
ich kann nicht erwarten, den staunenden schimmer
in ihrem zärtlichen auge zu sehn.
verschwindet, ihr stunden, am besten für immer.
die liebste will kommen, die welt soll vergehn.

früher haben sie immer augen wie spiegeleier gemacht

ich zuckte; ich erwachte; goldsonne und blauschatten fleckten um mich.
anne stand vor mir, betrachtete mich interessiert und fragte:“was ist denn
los? sie haben ja gar innig und intim nach mir gerufen.“ sie machte eine
winzige artistische pause und meinte ironisch und wissend : „geträumt,
eh?!“ ich spannte die brauen; ich erzählte; wort nach wort. sie lauschte
mit spöttisch geneigtem ohr. „und – c‘est tout?“ fragte sie, und tat ent-
täuscht : „– recht wenig pikant eigentlich. soldaten sollen doch im allge-
meinen agressiver sein. –“ herausfordernd. ich nickte höflich und sagte
: „ich weiß, ich habe mich wenig geändert. sie allerdings auch nicht.“ sie
drehte mir auflachend, dann pfeifend den rücken („fräulein, heute dürfen
sie nicht allein sein…“) hielt an, kam zurück und erkundigte sich : „passiert
ihnen das übringens öfter : von mir zu träumen – ?“ ich zögerte gar nicht, ich
sagte verbindlich : „ja-.“ sie warf anerkennend den kopf und meinte über
die schulter : „etwas anders sind sie doch geworden. früher haben sie bloß
augen wie spiegeleier gemacht – na schön.“

wie einfach es ist

wie einfach es ist, verletzt zu werden. ich werde den ganzen langen tag verletzt, & das durch die kleinsten und unauffälligsten sachen. also rauf mit dem alltagspanzer, und das ich, sogar das verwundete ich, ist vor so vielen versteckt. wenn ich das eisen herunterhlasse, schieß bitte nicht, liebes. nicht mal mit einem lächeln oder einem angenehmen lächeln oder einem einstudierten lächeln. (wie eine rede aus einem russichen theaterstück. schau, kleiner invanivitsch, da schwimmen leichen in der wolga. eine ist deine kleine tante pamela. geh und gib ihr einen kleinen schneekalten kuss. nein, du kleiner bengel, das ist ein toter postbote. das ist dort deine tante, die mit dem gedicht zwischen den zähnen.)

reißen wir alles nieder

mein traktat will nichts anderes
als die totale abschaffung
nur hat das niemand begriffen
ich will sie abschaffen
und sie zeichnen mich dafür aus
und sage ich ihnen was mein traktat wirklich bezweckt
halten sie mich für verrückt
die opfer helfen ihrem mörder zum ehrendoktor
alle wege führen unweigerlich
in die perversität
und in die absurdität
wir können die welt nur verbessern
wenn wir sie abschaffen
oder glaubst du sie haben meinen traktat verstanden
nimmt das einsiedeglas und schluckt ein paar tabletten
entweder wir krümmen uns vor schmerzen
oder wir sind aufgebläht
ich habe schon beinahe mein ganzes wahrnehmungsvermögen aufgebraucht
weil wir das ganze leben lang fragen
wie hoch ist der zinsfluß
nichts intressiert uns mehr
willst du mir nicht etwas
aus deinem dramulett vorlesen
bevor die herrschaften kommen
besser nicht
unser ganzes leben haben wir gesucht
jetzt finden wir nicht mehr
was wir suchten
zuviel zugeständnisse
zuviel freundlichkeit
zuviel unterstützungsbedürfnis
einmal habe ich montaigne vertraut
zuviel
dann pascal
zuviel
dann voltaire
dann schopenhauer
wir hängen uns so lange an diese philosophischen mauerhaken
bis sie locker sind
und wenn wir lebenslang daran zerren
reißen wir alles nieder