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vergessen

„um zu leben muss man vergessen; um zu leben muss man erinnern. vergessen ist immer betäubung, erinnerung macht uns todessüchtig“ schreibt kurt oppens über die dichtung celans und bachmanns mit blick auf jenen celanschen stein, der die chiffre für die last ist „an der die zeit und an der jeder einzelne trägt“, den „stein der geweinten und unweinbaren tränen, den stein der schuld, den stein der gefühlsverhärtung, die schon mit dem hörensagn und dem bloßen überleben gegeben ist“.
was für die dichtung celans und bachmanns gilt, ließe sich ebenso von der kritischen theorie adornos sagen. die widersprüche in die sich eine existenz in der postnazistischen gesellschaft und eine kritik dieser gesellschaft verstrickt, kann sie nicht auflösen, weil sie ihren grund in der wirklichkeit haben: darin dass die menschen die revolution selbst im angesichts des grauens, das der bürgerlichen gesellschaft entsprang, nicht machten. dass die frage warum gerade jetzt die zeit reif sein solle nur mit einem schulterzucken abgetan werden kann; gleich ob dieses schulterzucken darauf verweist, dass man nunmal jetzt lebe, dass die revolution so nötig sei wie eh und je, das man sie besser spät als nie mache oder auf sonst etwas.
der preis dafür, dass das der nationalsozialismus militärisch niedergerungen wurde, anstatt wenn schon nicht von der weltrevolution verhindert, so doch beendet zu werden, als sein schrecken allen offenkundig wurde, ist in gewisser weise das verzweifelt werden der kritik. auf diese objektiven verzweiflung muss kritik reagieren. sei es durch ein gran resignation das ihr beigemischt wird, sei es in der kapitulation vor der wirklichkeit, sei es im trotzigen festhalten an der notwendigkeit der revolution, von der niemand mehr etwas wissen möchte. wir alle müssen auf irgendeine weise vergessen. noch der versuch in revolutionärer absicht zu erinnern, etwa im sinne benjamins, trägt züge dieses vergessens: benjamins – selbst schon verzweifelter – apell zum griff nach der notbremse, war aktuell als der zug noch auf den abgrund zuraste. nun da er längst hineingestürzt ist, mag man so verzweifelt ziehen wie man möchte – mögen die räder auch zum stillstand gebracht werden, längst haben sie die schiene verloren, die einst das rasende vorwärts ebenso gerantierte wie die möglichkeit des bremsens. nur wenn die menschheit sich auf den kopf stellen würde, sich im passagier, wie zug, abgrund und schienen selbst erkennen würde, könnte sie im griff nach der notbremse vielleicht sich auch wieder den boden unter den rädern schaffen, dessen sie bedarf um zu bremsen.

fareinikte partisaner organisatzije (jan 1942 – jul 1944)

Dos lid geschribn is mit blut un nischt mit blej,
’s nit kejn lidl fun a fojgl ojf der fraj,
dos hot a folk tswischn falndike went
dos lid gesungen mit naganes in die hent.

ein gefühl von der unnötigkeit des verzichts oder proletarische revolution und konformistische revolte

die ganze kraft der bisherigen versuche proletarischer revolution ergab sich aus dem plötzlichen gefühl der elenden massen, dass ein teil des von ihnen geleisteten verzichts unnötig ist – herrschaft und ausbeutung wurden als zumutung erfahrbar. aus diesem gefühl, dieser noch unreflektierten erfahrung, hätte sich die zum sturz der verhältnisse notwendige einsicht in herrschaft und ausbeutung ergeben können. diese erfahrung zu begreifen, die einsicht in die frage danach wie dieser unnötige verzicht zu beseitigen ist, ist der grund der unzähligen zusammenkünfte und diskussionen auf der straße, der neuen offenheit und öffentlichkeit, die so prägnant für die proletarische revolution sind. nur in der öffentlichkeit, in der menge und ihrer diskussion kann das kollektive unbewusste kollektiv aufgekärt werden, die möglichkeit des kommunismus wirklichkeit werden. darin unterscheiden sich die versuche proletarischer revolution so grundlegend von den revolutionen der bürger die in ihren geheimen zirkeln und gesellschaften sich bloß individuell aufklärten, den pöbel nur als zu steuerndes mittel zum zweck ihrer eigenen revolution begreifen konnten. so versuchten sie zwar einerseits individuell das licht der aufklärung in das unbewusste zu tragen: sich zu wirklichen menschen zu bilden, doch andererseits ließen sie das kollektive unbewusste, die verselbsständigung der gesellschaft gegen die einzelnen unberührt. nicht die vernünftige gesellschaft wollten sie herstellen, sondern die vernünftigen individuen, gedacht als diejenigen, die sich realitätsgrecht unter unvernünftigen verhältnisen zu behaupten wissen.
die konformistische revolte, sowohl gegenüber der proletarischen revolution, als auch dem bürgerlichen, zielt weder auf die einsicht einzelner, das in seiner realitätsgerechtheit vernünftige handeln in unvernünftigen verhältnissen, noch auf das ende von herrschaft und ausbeutung. zwar ergreift diese revolte die massen, sie besitzt aber kein gefühl der überflüssigkeit des verzichts, sondern richtet sich dagegen, dass nicht alle verzichten müssen, nicht alle ausgebeutet werden, nicht alle der herrschaft unterliegen – das gleichheit im elend nicht vollends hergestellt ist. sie richtet sich deswegen gegen die, von denen sie meint sie hätten ein müheloses einkommen, müssten nicht verzichten und unterlägen nicht der herrschaft. sie richtet sich gegen die, nähme man die hirngespinste der antisemiten ernst, an denen die möglichkeit das es anders sein könnte, das glück -und sei es inhuman als unglück der massen- wirklich sein könnte, aufleuchtet. die konformistische revolte besitzt so eine ahnung der ausbeutung und herrschaft, aber keine davon, dass sie unnötig sind. sie kann sich deswegen niemals in proletarische revolution transformieren. wie in den augen der antisemiten das internationalen judentum für sich praktisch behauptet, das herrschaft und ausbeutung unnötig sind, so behauptet der kommunismus dies theoretisch. und wie den antisemiten die bloße existenz der juden als zumutung erscheint, erscheint ihnen der kommunismus als provokation. nicht herrschaft und ausbeutung erleben darin als zumutung, sondern die vorstellung, dass die härte die sie sich antun zwar realistisch, aber prinzipiell weitestgehend überflüssig ist.

die erfindung, mehr noch die ausdehnung des internets hat das verhältnis des individuums zu sich sebst entschieden verändert. das gefühl etwas hinausschreien zu können, ohne die möglickeit dazu zu haben – weil als ob man den mund nicht aufbekommt, ist dem bloggen, dem status auf facebook posten usw. gewichen. ohne zu wissen und auch ohne wissen zu wollen wer einen hört, sinkt hier die hemmschwelle dinge in die welt hinauszurufen wie: warum sollte ich essen, wo mein bauch voll ist vom abstinthe. die einsamkeit, die einen unentwegt auf einen selbst verwies – darauf in sich selbst zu wühlen, als gäbe es keine welt dadraussen – ist einer neuen form ihrer selbst gewichen: einem verweifelten ruf in die welt, von dem man nicht einmal mehr weiss ob er sich an einen selbst oder an eben diese welt richtet – dem gefühl des verlassenseins unter lauter anderen menschen. einem gefühl von dem man längst ahnt, das es alle befallen hat, die bereit sind in sich hinein zu horchen.